


Sie haben etwas zauberisches, die zerklüfteten, felsigen Landschaften dieses südfranzösischen Departements, deren unwirtlicher Schroffheit die dort lebenden Menschen gleichwohl fruchtbare Weingärten abzuringen wussten, auch wenn sie dafür unter Mühen kunstvolle Terrassen anlegen mussten und diese Riede bis heute nur mit ebensoviel Mühe, in ständiger Auseinandersetzung mit der Natur, instandhalten müssen, um dort den kostbaren Wein kultivieren und keltern zu können.Doch es ist viel mehr als der ästhetische Reiz, den jeder Aufenthalt dort unseren Augen zu bieten vermag, der uns diese Gegend so teuer macht: Natürlich sind an der Liebe zu einer Landschaft auch immer ihre Menschen beteiligt, und das ist hier gleich zweifach der Fall: da gibt es zum einen die ardéchois, die sich eine urtümlich anmutende Offenheit bewahrt haben, obwohl (oder weil?) sie seit je her mehr oder weniger abgeschlossen vom Rest Frankreichs ihr ländliches Leben bestreiten.
Und dann gibt es da zum anderen auch viele Menschen, deren Abwesenheit der Gegend zum Vorteil gereicht, nämlich die Pauschaltouristen. Die Ardèche hat sich dem Massentourismus nie ausgeliefert, was umso leichter fiel, als sie ja nicht am Meer liegt und auch sonst mangels Lieblichkeit nie zur ersten Wahl der Touristinnen zählte. Der Reiz dieser Landschaft erschließt sich nur dem, der sich ganz auf sie einlässt, niemals dem, der sich von einem zweiwöchigen Aufenthalt in einer Hotelburg Erholung und Entspannung erwartet und dann noch Animateure braucht, die ihm die Langeweile vertreiben.
Menschen, die die Ardèche besuchen, sind entweder Liebhaber von Spaziergängen in der Ruhe der Garrigue (so nennt man die trockenen, steinigen Ebenen, in denen wilder Thymian - angeblich der beste der Welt! -, wilder Lavendel, wilder Salbei etc. gedeihen), oder aber es handelt sich um Wildwasserpaddler sowie Kanu- und Rafting-Afficionados bzw. Radfahrer, die die Straßen durch die beiden berühmten Schluchten, den Gorges de l’Ardèche und den Gorges du Tarn entlangfahren, während unter ihnen (teilweise hunderte Meter unter ihnen) die Wildwassersportler den Elementen trotzen. Letztere kommen übrigens aus der ganzen Welt hierher, weil Ardèche die allerschönste Kulisse darstellt, vor der man diesen Sport ausüben kann.
Und dann der Weinbau mit seiner ungeheuer langen Tradition – immerhin wurde eines der ersten Bücher, die sich wissenschaftlich mit der Landwirtschaft und der Kunst des Weinmachens, „Le théâtre de l’agriculture et mesnage des champs“ (Das Theater der Landwirtschaft und die Bestellung der Felder) von Olivier de Serres (1539 – 1619) hier verfasst und im Jahr 1600 veröffentlicht. Olivier de Serres‘ Gut, die Domaine du Pradel in Mirabel, beherbergt heute eine Weinbauschule und ein Museum.
Berndt Martin